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Demenz 

Mit Demenz im Krankenhaus

Beklemmung. Unsicherheit. Sorge vor dem Ungewissen. Das sind Gefühle, wie sie jeder Patient in einem Krankenhaus kennt. Gefühle,die die meisten Menschen einordnen können. Was aber, wenn durch Demenz die Grenzen des eigenen Ich immer mehr verschwimmen und Fragen zu unlösbaren Rätseln werden?

 
 

Wo bin ich hier? Was machen diese Menschen hier mit mir? Ich kenne die ja gar nicht!“, Fragen, die Patienten mit Demenz gerade in ungewohnten Umgebungen wie einem Krankenhaus aussichtslos erscheinen. Aus leichtem Unwohlsein kann pure Angst werden – denn es fehlt die notwendige Orientierung. Leben in Deutschland noch rund 1,5 Millionen Menschen mit Demenz, sagen die Prognosen für 2050 eine Verdopplung der Zahl voraus. Die Zahl der Älteren nimmt zu und mit ihr die Demenzerkrankungen.

Ein Krankenhaus ist ein medizinischer Hochleistungsbetrieb. Ärzte und Pflegende sind für zahlreiche Patienten verantwortlich, untersuchen sie, führen mit ihnen Gespräche, klären auf, beruhigen, hören zu, pflegen. Wenn aber Patienten mit Demenz in die Klinik kommen, greifen die eingespielten Routinen nicht. Dann kommt es zum Testfall für die Belastbarkeit des Systems Krankenhaus. Das bedeutet Stress für Betroffene und Angehörige, wie Marion Stein aus zahlreichen Gesprächen weiß. Die Krankenschwester mit gerontologischer Qualifikation bringt das Grundproblem auf den Punkt: „Das Krankenhaus ist ein Ort, der all dem entgegensteht, was wir in der Demenz empfehlen würden: Eine ruhige, reizfreie, überschaubare Umgebung, eine feste Tagesstruktur – das sind alles Dinge, die im Alltag helfen, aber im Krankenhaus schwierig umsetzbar sind.“

Professor Dr. Maschke zum Thema Demenz

Was geht bei einer Demenz im Kopf vor? Wie diagnostiziert und behandelt man die Krankheit? Antworten gibt Professor Dr. Matthias Maschke, Chefarzt der Abteilung für Neurologie, Neurophysiologie und neurologische Frührehabilitation im Brüderkrankenhaus Trier. Außerdem ist er Vorsitzender des Demenzzentrums
Trier e.V.

Professor Dr. Matthias Maschke

Herr Professor Maschke, können Sie einem medizinischen Laien erklären, woran man eine Demenz erkennt?

Das ist eine gute Frage. Viele ältere Patienten kommen beispielsweise mit Gedächtnis- und Merkfähigkeitsstörungen zu uns, die völlig normal sind. Man muss zwischen einer Demenz und altersbedingten Merkfähigkeitsstörungen unterscheiden. Ab dem 25. Lebensjahr nimmt die Merkfähigkeit beim Menschen wieder ab. Solange die Gedächtnisstörungen Namen oder andere, nicht ganz so wichtige Dinge betreffen und den Alltag nicht beeinflussen, ist es keine Demenz. Etwa wenn man sein Handy verlegt. Liegt es aber an ungewöhnlichen Orten, wie zum Beispiel im Kühlschrank, wäre das eher ein Zeichen für Demenz, bei der Orientierungsschwierigkeiten hinzukommen können. Ein wichtiges Kriterium für eine Demenz ist, dass die Merkfähigkeitsstörung mehr als sechs Monate anhält.

Was passiert bei einer Demenz im Gehirn?

Es gibt sehr unterschiedliche Formen von Demenz. Bei der häufigsten Form, der
Alzheimer-Demenz, lagern sich giftige Eiweißformen im Gehirn ab und stören
die Nervenfunktion und die Verbindungen der Nerven. Dadurch gehen die Nerven vor allem in jenen Bereichen des Hirns zurück, die für das Gedächtnis wichtig sind. Das kann man anhand einer Kernspintomografie erkennen.

Welche Untersuchungen gibt es bei einem Verdacht auf Demenz?

Der erste Schritt ist die normale Untersuchung beim Hausarzt. Er klärt zunächst
die Ursachen für eine Gedächtnisstörung ab. Diese kann auch durch eine Schilddrüsenerkrankung oder bestimmte Medikamente hervorgerufen werden. Der zweite Schritt führt zum Neurologen, Psychiater oder Geriater, einem sogenannten Altersmediziner. Hier werden eine körperliche Untersuchung, eine Kernspintomografie, Laborwertuntersuchungen und eine Nervenwasseruntersuchung durchgeführt. Dabei kann man Eiweißstoffe, die etwa bei Alzheimerpatienten zu viel vorhanden sind, nachweisen. Mit der alternden Gesellschaft kommen immer mehr Patienten in einem unterschiedlichen Stadium der Krankheit zu uns ins Krankenhaus. Das reicht von der ambulanten Beratung in der Sprechstunde bis zum längeren Aufenthalt
etwa aufgrund einer Operation. Somit stellt Demenz eine immer größere Herausforderung für Krankenhäuser dar.

Klären Sie Verdachtsfälle auch im Krankenhaus ab?

Diese Möglichkeit besteht. Es dauert meist drei bis fünf Tage, bis wir das abgeklärt haben. Dann besprechen wir mit dem Patienten und den Angehörigen, aber auch mit dem Sozialdienst, welche Hilfen benötigt werden und welche Medikamente helfen könnten. Verschlechtert sich bei dementen Menschen der Krankheitsverlauf so sehr, dass sie nicht mehr zu Hause leben können, berät unser Sozialdienst und das Patienteninformationszentrum, welche Wege und Unterbringungsmöglichkeiten es gibt. Etwa eine Tagespflege, die die Angehörigen sehr entlasten kann.

Wie behandeln Sie die Patienten?

Es gibt eine nichtmedikamentöse und eine medikamentöse Behandlung. Schauen wir wieder auf die häufigste Form der Alzheimererkrankung: Vier Medikamente sind zugelassen, die dazu führen, dass das Gedächtnis durchaus etwas besser werden kann oder sich etwas langsamer verschlechtert. Derzeit sind weitere Medikamente in der Entwicklung, die hoffentlich in den nächsten Jahren verfügbar sind. Wichtig ist aber auch das Nichtmedikamentöse. Es gibt gute Hinweise, dass etwa Sport das Gedächtnis verbessern kann – auch bei bereits dementen Menschen. Dieser Effekt tritt schon bei zwanzig Minuten regelmäßiger Bewegung pro Tag ein.

 
 

Begleitung und Entlastung

Stein leitet das Patienteninformationszentrum (PIZ) im Brüderkrankenhaus Trier, eine in Rheinland-Pfalz einmalige Einrichtung, die sich seit rund zehn Jahren gut sichtbar in der Nähe des Empfangsbereichs befindet. Das PIZ ist eine Erstanlaufstelle für Patienten, für Angehörige, aber auch für Mitarbeitende. „Unser Blick richtet sich immer darauf, was die Betroffenen und ihre Angehörigen benötigen, um gut mit der Krankheit umzugehen“, erklärt Stein. Es gibt zahlreiche Informationsmaterialien zu den verschiedensten Erkrankungen, Beratung zu Pflegethemen und zu Hilfsangeboten – und es gibt vor allem ein offenes Ohr: „Hier ist auch ein Ort, wo man einfach mal seine Last ablegen und den nächsten Schritt ins Auge fassen kann“, weiß die Expertin.

Häufig wird die Diagnose Demenz erst im Krankenhaus gestellt – und das muss dann verarbeitet werden. „Das kann heißen, dass sich ein ganzes familiäres System verändert. Die Rollen zwischen Ehepartnern oder zwischen Eltern und ihren Kindern, die man ein Leben lang verinnerlicht hat, verändern sich plötzlich. Das ist mitunter schmerzhaft, weshalb man Begleitung und Entlastung braucht. Daher weisen wir auch auf die regionalen Angebote wie etwa das Demenzzentrum hin“, erklärt Stein.

Wie hält man sein Gedächtnis fit?

Mensch-Ärgere-Dich-Nicht

Neben regelmäßiger Bewegung, wie Treppensteigen, mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren oder abends zur Entspannung einfach mal zwanzig Minuten spazieren zu gehen, kann auch die Ernährung das Gedächtnis fit halten. So können zum Beispiel viel Olivenöl, Gemüse und Obst sowie weniger Fleisch hilfreich sein. Auch wenn schon die ersten Anzeichen einer Demenz aufgetreten sind, sollte man sich keinesfalls zu Hause verschanzen, sondern weiterhin nach draußen gehen, Menschen treffen und kulturell interessiert bleiben. Empfehlenswert ist auch, all die Dinge zu tun, die man früher gern getan hat: Mühle, Dame, Halma, Schach, Scrabble, Skat, Doppelkopf – es gibt auch gute Memorys für Erwachsene! Man sollte einfach das Gehirn aktivieren.

 
 

Herausforderung Demenz

Das PIZ ist eine der Anlaufstellen bei Fragen zu einer Demenz. Doch auch hinter den Kulissen sind derzeit viele Mitarbeitende damit beschäftigt, den Weg hin zu einem demenzfreundlicheren Krankenhaus zu gestalten. Eine Schlüsselposition auf diesem Weg hat Melanie Schloesser inne. Die Mitarbeiterin der Pflegedirektion ist in der Stabsstelle Pflegeentwicklung tätig und leitet das Projekt „Demenz im Krankenhaus“. Ihr Ziel: In den kommenden Jahren sollen mehr und mehr demenzsensible Strukturen aufgebaut werden. „Aufgrund seiner Abläufe ist ein Krankenhaus ein ungünstiger Ort für demente Menschen. Es ist daher eine Herausforderung für uns, ihren Aufenthalt angenehmer zu gestalten“,beschreibt Schloesser die Aufgabe für eine große Projektgruppe, an der unter anderem Pflegende, Therapeuten und Mediziner mitwirken. Sie überprüfen standardisierte Abläufe und Strukturen.

Die Mitarbeitenden des Krankenhauses sollen stärker für das Thema Demenz sensibilisiert werden. Das geht insbesondere über Schulungen aller Krankenhausmitarbeitenden, die Schritt für Schritt erfolgen sollen. Schloesser setzt darauf, dass bei Patienten über 75 Jahren künftig strukturiert darauf geachtet wird, ob möglicherweise eine beeinträchtigende Orientierungsstörung vorliegt. Gerontopsychiatrische Pflegefachpersonen sollen im Verdachtsfall eine detaillierte Einschätzung durchführen. Die Erkenntnisse werden dann an die zuständigen Ärzte für eine weitere Abklärung und an das Pflegepersonal weitergeleitet. „Liegt eine kognitive Einschränkung vor, wollen wir mit Erlaubnis des Patienten und seiner Angehörigen Maßnahmen einleiten,um den Aufenthalt bestmöglich zu gestalten.“

Vertrautes mit in die Klinik nehmen

„Es geht nicht ohne die Angehörigen“, weiß Marion Stein. Sie verweist darauf, dass die Pflegekräfte des Krankenhauses auf die Unterstützung des familiären Umfelds angewiesen sind. Oft komme es vor, dass ältere Menschen, die sich zu Hause noch recht gut zurechtfinden, bei ihrem Krankenhausbesuch orientierungslos seien. Um den Klinikaufenthalt zu erleichtern, sollten Angehörige bereits im Vorfeld die Gewohnheiten des Patienten notieren. „Die Pflegenden brauchen diese Informationen, weil der Patient in der Regel nicht mehr in der Lage ist, zu schildern, welche Medikamente er nimmt, was er braucht, was er gerne isst“, erklärt Stein. Sie rät dazu, Vertrautes beizubehalten, soweit das möglich ist. „Wir raten dazu, vertraute Kleidung mitzubringen, weil Demenzkranke diese am ehesten wiedererkennen. Auch persönliche Gegenstände,wie ein gewohntes Kopfkissen oder Fotos der Angehörigen sind Dinge, die Sicherheit verleihen.“

 
 

Zugang finden

Schloesser weiß, wie wichtig es ist, dass die Pflegenden spezifischer qualifiziert werden. Denn um überhaupt Zugang zu den Betroffenen zu finden, sei ein respektvoller, freundlicher, empathischer und achtsamer Umgang notwendig. Viele Patienten mit Demenz verhielten sich ablehnend gegenüber den Pflegenden. „In dem Augenblick, wo man Zugang zu den Menschen findet, sind diese eher bereit,sich auf weitere Handlungen einzulassen“,erklärt Schloesser.

Die Umgebung eines Krankenhauses wird immer eine Herausforderung für diese Patienten sein.

In den kommenden Jahren sind Schritt für Schritt auch bauliche Veränderungen vorgesehen, damit sich Menschen mit Demenz besser orientieren können. Dies ist etwa über bessere und durchgehende Symbole möglich. In den Krankenhausräumlichkeiten sollen mehr farbliche Akzente gesetzt werden, indem man Lichtschalter, Toiletten und Badezimmer stärker markiert und so vom typischen Klinikweiß abhebt. Weil die enorme Reizüberflutung in den Krankenhausräumlichkeiten bei dementen Patienten zu einer Belastung führen kann, testet das Brüderkrankenhaus bereits erfolgreich Formen der Tagesaktivierung, bei denen Patienten in einer kleinen Gruppe spezifisch aktiviert werden und abschließend zusammen essen. Noch sind manche Maßnahmen in der Testphase, andere in der Planung. „Unser Ziel ist, dass unser ganzes Krankenhaus mehr auf die Bedürfnisse von Patienten mit Demenz eingeht“, gibt sich Schloesser zuversichtlich. Sie weiß aber, dass sich trotz aller Bemühungen nie eine Ideallösung einstellen wird: „Die Umgebung eines Krankenhauses wird immer eine Herausforderung für diese Patienten sein“. 

Text: Michael Merten | Foto: Harald Oppitz | Videos: Stefan Klinkhammer

 
 
 
 
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