BBT-Gruppe
 
 
 
 
 
02.04.2015

Neues schonendes OP-Verfahren bei der Versorgung von komplexen Erweiterungen der Bauchschlagader

Erstmals dreifach fenestrierte Aortenprothese ohne offenen Bauchschnitt im Brüderkrankenhaus Trier implantiert.

Neues schonendes OP-Verfahren bei der Versorgung  von komplexen Erweiterungen der Bauchschlagader

Zwei Chefärzte im Zentrum für Gefäßmedizin im Brüderkrankenhaus Trier freuen sich. Nur wenige Tage ist es her, dass sie mit insgesamt vier Operateuren im Angiographie-OP zwei Patienten mit einer Erweiterung der Hauptschlagader erstmals mit einem neuen schonenden Operationsverfahren behandelt haben. Dabei wurden den Patienten sogenannte dreifach fenestrierte (gefensterte) Aortenprothesen im minimalinvasiven Verfahren über die Leisten in die Bauchschlagader eingesetzt. Schon eine Woche nach dem Eingriff konnten beide Patienten das Krankenhaus wieder auf beiden Beinen verlassen als wäre nichts gewesen.
„Bei beiden Patienten war die Aorta auf über 5 cm vergrößert, so dass eine klare Indikation zur Operation vorlag.“, erklärt Prof. Dr. med. Detlef Ockert, Chefarzt der Abteilung für Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie und Ärztlicher Leiter des Zentrums für Gefäßmedizin.
Die Operation der erweiterten Bauchschlagader kann als offene Bauchoperation oder als sogenannte endovaskuläre Versorgung mittels Stentprothese über kleine Zugänge in beiden Leisten durchgeführt werden. Die offene Operation ist für die Patienten sehr belastend. Die seit etwa 25 Jahren praktizierte Versorgung des Aortenaneurysmas mittels Stentprothese ist wesentlich weniger belastend für die Patienten, da sie mit geringeren Schmerzen und erheblich kürzerem Krankenhausaufenthalt verbunden ist. „Allerdings war dieses Verfahren bisher immer dann nicht durchführbar, wenn das Aneurysma sich nach oben in Richtung der abgehenden Äste für Leber, Milz, Magen und Darm sowie Nieren ausgedehnt hat.“, erläutert Professor Ockert. „Denn im oberen Bereich der Aorta gibt es vier Versorgungsäste, die ganz wichtig sind. Dies sind die linke und rechte Nierenarterie, die Darmarterie und etwas höher noch eine Arterie für Milz, Leber und Magen. Prothesen mit zwei Seitlöchern, auch Fenster genannt, haben wir schon länger eingesetzt."

Maßgefertigte Prothese aus Australien
Seit etwa acht Jahren werden in Australien als Maßfertigung in Handarbeit spezielle Aortenprothesen mit vorgegebenen Löchern für die verschiedenen Arterien hergestellt. Mit diesen Prothesen kann man die Aortenaneurysmen ausschalten. „Die Position der Löcher für die jeweiligen Arterien muss in einer speziellen Computertomographie in 1mm Schichten exakt ausgemessen werden“, sagt Prof. Dr. med. Winfried A. Willinek, der seit Anfang November 2014 als Chefarzt das radiologische Zentrum leitet. So können die genaue Höhe, der Abstand und die genaue Seite der erforderlichen Abgänge für die Nierenarterie, die Darmarterie und die Leberarterie vorgegeben werden. Knapp zwei Monate dauerte es, bis die beiden Prothesen für Hans H. und Gerold C. im Brüderkrankenhaus Trier eintrafen.

Die dreifach fenestrierte Aortenprothese hat die Form des auf dem Kopf stehenden Buchstaben Y. Sie besteht aus einem Hauptkörper mit den vorgegebenen Fenstern, der von unten durch eine Leiste in die Aorta eingeführt wird, und zwei Beinchen, die über beide Leisten in den Hauptkörper eingebaut werden. Durch diesen Hauptkörper werden die drei Versorgungsäste später mit Drähten intubiert. „Die Schwierigkeit besteht darin, dass man die Fenster genau an die Stelle bringt, wo die sich die Abgänge für die Arterien befinden, die die Blutversorgung der Organe sichert. Gelingt dies nicht, würde dies sofort zu Durchblutungsstörungen in den Organen führen“, sagt Willinek und ergänzt: „Die Position der Fenster muss dann durch Drähte gesichert werden“. Erst wenn die Drähte liegen und die Prothese festhalten, wird der Prothesenhauptkörper endgültig entfaltet. Jetzt werden zusätzlich kleine Stents durch die drei Fenster in die Arterien geschoben, die innen so mit Ballons aufgebogen werden, dass sie nicht herausrutschen können. „Die Komplexität besteht vorwiegend darin, durch die Fenster diese kleinen Arterien zu kanülieren“, sagt Ockert. „Erst wenn die Stents sicher liegen und die Fenster richtig abdichten, ist der Blutstrom wieder komplett hergestellt.“


Ideale personelle und technische Voraussetzungen
Etwa viereinhalb Stunden dauerten die Eingriffe im sogenannten Angio-OP des Zentrums für Radiologie, Neuroradiologie, Sonographie und Nuklearmedizin des Brüderkrankenhauses, das eng mit dem Zentrum für Gefäßmedizin zusammenarbeitet. „Hier im Brüderkrankenhaus haben wir im Zentrum für Gefäßmedizin ideale personelle und technische Voraussetzungen für diesen Eingriff.“, sagt Professor Willinek. „Im Zentrum für Gefäßmedizin arbeiten Chirurgen und interventionelle Radiologen sehr gut kooperativ zusammen. In unserem Angio-OP mit seiner biplanaren 3D Rotationsanlage unter OP-Bedingungen haben wir die technischen Voraussetzungen, diesen komplexen Eingriff durchzuführen.“, erläutert der Facharzt für diagnostische Radiologie. Die vorhandene Flachdetektortechnik erlaubt eine Gefäßdarstellung mit höchster Qualität, aber geringer Strahlenbelastung. „ In einem Team von vier Operateuren - zwei Gefäßchirurgen und zwei Radiologen, das sind neben uns Chefärzten die beiden Oberärzte Dr. Seider und Dr. Grell, und natürlich gemeinsam mit den hochqualifizierten medizinisch-technischen Röntgenassistentinnen, haben wir es geschafft, ohne einen großen Körperschnitt die Organe erhaltend wieder an der Hauptschlagader zu fixieren.“, freut sich Willinek. Erst wenige Kliniken deutschlandweit führen diese neue OP-Technik mit dreifach fenestrierten Aortenprothesen durch.


Bauschlagader-Erweiterung
Eine Bauchschlagader-Erweiterung tritt vorwiegend im höheren Lebensalter auf. Betroffen sind etwa 1,7 Prozent der Frauen und 5 Prozent der Männer über 65 Jahren. Das Risiko steigt alle 10 Jahre um etwa 6 Prozent an. Die Erweiterung bleibt vom Patienten meist unbemerkt. Zunehmend sind jedoch auch jüngere Menschen davon betroffen. Die Gefahr: reißt die Erweiterung ein, kann das lebensbedrohliche Folgen haben.
Der normale Durchmesser der Aorta beträgt ca. 2 cm. Bei einer Vergrößerung auf über 5 cm steigt das Ruptur-Risiko auf mehr als 10 Prozent. Deshalb wird ab einer Erweiterung der Hauptschlagader von 5 cm eine Operation empfohlen, obwohl meist keine Beschwerden vorliegen, sondern dies oft als Zufallsbefund im Routine-Ultraschall entdeckt wird.

 

Hauptrisikofaktoren und Beschwerden
Hauptrisikofaktoren für die Entwicklung einer Bauchschlagader-Erweiterung sind Rauchen, Bluthochdruck, familiäre Veranlagung, hohe Blutfettwerte, Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus).
Der Großteil der von einer Bauchschlagader-Erweiterung Betroffenen hat keinerlei Beschwerden. Kommt es zu einer Größenausdehnung der Erweiterung, kann das mit Beschwerden im Bereich der Wirbelsäule oder der Nieren einhergehen. Platzt die Erweiterung, kommt es zu unerträglichen Bauch- oder Rückenschmerzen, Übelkeit und Brechreiz. Es besteht akute Lebensgefahr. Nur etwa die Hälfte aller Patienten, die ein Krankenhaus für eine sofortige Notoperation erreichen, kann gerettet werden, da viele Patienten innerlich verbluten.

 

Das Zentrum für Gefäßmedizin
Das Zentrum für Gefäßmedizin am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier ist bisher das einzige interdisziplinäre Gefäßzentrum in der Region, das von drei Fachgesellschaften anerkannt wurde: dies sind die Deutsche Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin, die Deutsche Röntgengesellschaft und die Deutsche Gesellschaft für Angiologie. Alle modernen diagnostischen und therapeutischen Verfahren werden im Zentrum für Gefäßmedizin angeboten; sie sind auf dem neuesten technischen Stand und werden permanent weiterentwickelt. Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen beraten hier gemeinsam über die beste Behandlungsmethode für jeden einzelnen Patienten.


Freuen sich mit den beiden Patienten über den gelungenen Eingriff: Prof. Dr. Winfried A. Willinek und Prof. Dr. Detlef Ockert
Freuen sich mit den beiden Patienten über den gelungenen Eingriff: Prof. Dr. Winfried A. Willinek und Prof. Dr. Detlef Ockert
 
 
 
89
 
 
 
 
 
 
 
Diese Webseite verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzinformationen