04.05.2023

Unter dem Motto „Aktiv mit MS“ hatte der Landesverband Rheinland-Pfalz der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (dmsg) zu einem Informations- und Austauschtag ins Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier eingeladen. Höhepunkte der Veranstaltung waren ein Grußwort von Ministerpräsidentin Malu Dreyer, die in bewegenden Worten von ihren Erfahrungen mit dieser Erkrankung berichtete, sowie ein Vortrag des Chefneurologen des Brüderkrankenhauses, Professor Dr. med. Matthias Maschke, über neuere Forschungsergebnisse zur Entstehung und Behandlung von MS.
Rund 3.000 Selbsthilfeorganisationen gibt es laut Ministerpräsidentin
Malu Dreyer in Rheinland-Pfalz, viele befassen sich mit chronischen
Erkrankungen. Als „4. Säule in unserem Medizinsystem“, neben der ambulanten,
stationären und rehabilitativen Versorgung, bezeichnete die Regierungschefin
die Selbsthilfe; als wichtigen Pfeiler für die Betroffenen im Umgang mit ihrer
Erkrankung; „weil hier Menschen mit Menschen unterwegs sind, die wissen, wovon
sie sprechen.“
Auch Malu Dreyer weiß, wovon sie spricht, kommt die Rede auf Multiple Sklerose. Die Ministerpräsidentin ist selbst erkrankt. Als Schirmherrin des dmsg-Landesverbands Rheinland-Pfalz sei es ihr wichtig, das Bewusstsein für die Besonderheiten der MS zu schärfen: „Chronische Erkrankungen sind immer belastend, aber bei MS kommt noch etwas hinzu – die Unberechenbarkeit“. Malu Dreyer gab auch persönliche Einblicke in ihr Leben mit MS. Nach mehr als drei Jahrzehnten mit MS wisse sie: „Nichts ist leicht, aber vieles ist möglich.“
Malu Dreyers persönliche Worte berührten viele im Albertus-Magnus-Saal des Brüderkrankenhauses. Auch Susanna Van Tonder, Vorstandsmitglied von Multiple Sclérose Lëtzebuerg. Die junge Frau schilderte, wie sie ein Jahr nach einem schweren epileptischen Anfall erfuhr, dass sie an MS leidet. „Ja verdammt, ich hatte Angst“, sei ihr vorherrschendes Gefühl nach der Diagnose gewesen. Die Selbsthilfe, wie sie MS Luxemburg oder die dmsg biete, sei eine emotionale Stütze und auch deshalb so wichtig, „weil keiner weiß, wie es uns geht“. Außer jenen, die die Krankheit aus eigenem Erleben kennen.
Professor Dr. med. Matthias Maschke kennt zahlreiche Patientinnen und Patienten und unzählige aktuelle Studien zu MS. Der Chefarzt der Abteilung für Neurologie, Neurophysiologie und neurologische Frührehabilitation im Brüderkrankenhaus Trier, zu der auch ein von der dmsg zertifiziertes MS-Schwerpunktzentrum zählt, war am Tag zuvor von einem Kongress in Boston zurückgekehrt, auf dem sich Tausende Neurologen aus aller Welt getroffen hatten und auch viele Vorträge der MS gewidmet waren. „Es wird immer mehr Menschen mit MS geben“, berichtete Professor Maschke und verwies auf eine deutliche Zunahme im vergangenen Jahrzehnt auf nunmehr 250.000 bis 300.000 Betroffene hierzulande.
Als mögliche Ursachen für diese Entwicklung würden eine zu salz- und fleischhaltige Ernährung und der Trend zu Fast Food diskutiert. Ein Indiz hierfür sei, dass gerade in asiatischen Ländern, deren Ernährung lange sehr von Fischspeisen dominiert war, die Erkrankungszahlen nach oben gingen. Zugleich betonte der Neurologe, dass es „nicht den einen Faktor gibt“, der als einzig ursächlich gelten könne. Beispiel Gene: Tatsächlich tritt die Erkrankung in manchen Familien gehäuft auf und spielen die Gene eine wesentliche Rolle. Doch es gebe auch Menschen, bei denen niemand der Vorfahren an MS erkrankt gewesen sei und die nun dennoch betroffen sind.
Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von Medikamenten, deren primäres Ziel laut Professor Maschke sei, Schübe möglichst gänzlich zu verhindern oder zumindest zu erreichen, dass maximal alle fünf bis zehn Jahre ein Schub auftritt. Gelinge dies mit der gewählten Medikation nicht und seien die Nebenwirkungen der Präparate erheblich, müsse umgestellt werden, betonte der Mediziner. Die Therapie müsse in jedem Fall beginnen, bevor eine Behinderung eingetreten sei, erklärte er weiter und machte zugleich Hoffnung: „Die Behandlung der MS ist heute extrem gut möglich.“ Zudem sei erwiesen, dass sich über bestimmte Lebensstilfaktoren wie eine möglichst mediterrane Ernährungsweise, ausreichenden und guten Schlaf und regelmäßiger sportlicher Betätigung der Verlauf einer MS günstig beeinflussen lasse. Und mit Blick auf neueste Forschungen sei es durchaus denkbar, dass sich der voraussichtliche Verlauf einer MS prognostizieren und die Erkrankung eventuell bald richtig wirksam behandeln lasse.
Wie und wo man konkret ansetzen kann, um auch mit MS Lebensqualität zu bewahren, wurde auch in den angebotenen Workshops, etwa zum Fatigue-Management sowie zu Neuroathletik, deutlich. Ehrungen durch die stellvertretende Landesvorsitzende der dmsg, Staatsministerin a.D. Irene Alt sowie ein musikalischer Abschluss rundeten die Veranstaltung ab.
Zu deren Auftakt hatte Markus Leineweber, Hausoberer des Brüderkrankenhauses, allen im Hause und insbesondere Professor Maschke und seinem Team gedankt, die dafür Sorge tragen, dass mit dem MS-Schwerpunktzentrum „eine ausgezeichnete Expertise vorgehalten werden kann, um Menschen mit MS umfassend und stets auf dem neuesten Stand medizinischer Erkenntnisse behandeln und betreuen zu können“. Leineweber begrüßte außerdem die Vernetzung mit Luxemburg und dankte Ministerpräsidentin Malu Dreyer für ihr Engagement als Schirmherrin, „womit sie auch eine wichtige Funktion als Botschafterin für die Anliegen an MS erkrankter Menschen wahrnimmt.“









