12.03.2026
Von O-Beinen und Plattfüßen

Ein Oberarzt im Unterricht – dieses seltene Lernerlebnis wurde jetzt den beiden dritten Klassen der Martin-Grundschule im Trierer Norden geboten. Der Orthopäde Dr. med. Arne-Björn Jäger aus dem Brüderkrankenhaus erklärte den Kindern die Bedeutung von Bändern und Bandscheiben, veranschaulichte die Funktion unserer Füße und erzählte Wissenswertes zum Wachstum der Wirbelsäule. Derart groß war die Wissbegierde der Grundschüler, dass die Kleinen auch die ganz großen Fragen des Lebens aufwarfen und aus freien Stücken ihre Stunde überzogen.
Finn weiß viel und hält damit nicht hinterm Berg. Warum
sollte er auch? Doch als sich die besondere Schulstunde schon ihrem Ende
zuneigt, überrascht der Junge mit einer Frage, auf die selbst der erfahrene
Experte an der Tafel spontan keine Antwort hat: „Warum sind wir nicht Affen
geblieben?“, will Finn wissen, „warum haben wir uns überhaupt
weiterentwickelt?“. Es ist nicht die einzige Frage von solch grundsätzlicher
Natur, mit der Dr. med. Arne-Björn Jäger an diesem Vormittag konfrontiert wird.
Der Oberarzt der Orthopädie aus dem nur wenige Fußminuten
entfernten Brüderkrankenhaus hat bereits einige Erfahrung mit Schulbesuchen.
Dr. Jäger klärte schon in Gymnasien über die möglichen Langzeitfolgen allzu
intensiver Handynutzung für die Körperhaltung auf; unter dem Motto „Zeigt her
eure Füße!“ war er des Öfteren in Grundschulen zu Gast und klärte rund um die
Fußgesundheit auf. In der Martin-Grundschule, mit der das Brüderkrankenhaus
eine Kooperation unterhält, stand nun gleich das ganze menschliche Skelett auf
dem Programm, der gesamte Bewegungsapparat. Und wieder einmal verstand es der
Arzt, seine jungen Zuhörerinnen und Zuhörer in Bann zu ziehen.
„Wisst ihr denn schon, was ein Orthopäde so macht?“, fragt
der Mediziner zu Beginn die Klasse 3a. Martha zögert nicht, blitzschnell
schnellt ihr Finger nach oben: „Ich war schon mal bei einem, der hat nach
meinem Rücken geguckt.“ Als ein Mädchen wissen möchte, was sie denn gegen die
von ihrem Wackelzahn verursachten Schmerzen ausrichten könne, stellt Dr. Jäger
schmunzelnd klar, dass er kein Zahnarzt sei – um dann doch ein paar beruhigende
Worte für die Schülerin parat zu haben.
Besser Bescheid weiß der Orthopäde über O-Beine und
Plattfüße. Hedi, deren Finger während der gesamten Schulstunde gefühlt häufiger
oben als unten ist und die für ihre Mitarbeit eine Eins mit Sternchen verdient
hätte, befragt Dr. Jäger zum Thema Glasknochen; darum sei es vor kurzem auch
bei „CheckerTobi“ gegangen, erklärt sie ihr Interesse an der Erkrankung. Ob denn
Tierknochen schneller brechen können als die von Menschen, fragt sie noch. Als
es schließlich um Fischgräten geht und Dr. Jäger von Hedi wissen möchte, ob sie
denn schon tauchen könne und wenn ja, wie lange, antwortet das Mädchen stolz:
„Ja, schon ganz lange.“ Kommentar ihres Mitschülers Finn: „Fische tauchen ihr
ganzes Leben lang.“
Neben Zuhören und Fragen stellen ist auch aktive Beteiligung
gefragt. Dr. Jäger erläutert mithilfe einer Kreidezeichnung an der Tafel, warum
großer und kleiner Zeh sowie Fersenbein so wichtig für unseren stabilen Stand
sind. Gleich darauf heißt es für die Kinder: Schuhe aus, mindestens eine Socke
aus, aufstehen und mit einem Bein auf den genannten Punkten stehen. „Und jetzt
schließt mal eure Augen“, fordert der Arzt die Klasse auf. Einige stehen weiter
stabil, andere beginnen zu wackeln – eine schöne Überleitung zum Nebenthema
Gleichgewichtssinn.
Als gegen Ende der Stunde der Orthopäde die Kinder noch dazu
einlädt, ihm Fragen zu stellen, bricht sich deren Wissbegierde vollends Bahn.
„Warum können wir nicht ohne zu sterben leben?“, fragt ein Junge in der ersten
Reihe. Dr. Jäger hält kurz inne: „Da stellst Du aber eine ziemlich große
Frage“, erwidert er und sucht kurz nach einer passenden Antwort. Der Mediziner
spricht nun von der Vergänglichkeit und Begrenztheit allen Lebens. Eine
Mitschülern will wissen, warum man seine Finger knicken könne, das bei den
Beinen aber nicht so gut funktioniere.
Dr. Jägers Konzept scheint hingegen zu funktionieren,
Lehrerin Ulrike Kertels kann stolz auf ihre Schützlinge sein. Die haben sich
nicht nur toll engagiert, sondern auch gleich noch die Unterrichtsstunde
überzogen. Während die Kinder in die Pause dürfen, schiebt Dr. Jäger schon das
schuleigene Skelett-Modell in den benachbarten Klassenraum, wo die 3b schon auf
ihn wartet.


